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Wintermärchen


Schönes Wintergedicht für Kinder und weitere Gedichte von Otto Ernst,
sowie Links-, Bücher- und Geschenk-Tipps.


Der erste Schnee

Auf dem Baum vor meinem Fenster
Saß im rauhen Winterhauch
Eine Drossel, und ich fragte:
„Warum wanderst du nicht auch?

Warum bleibst du, wenn die Stürme
Brausen über Flur und Feld,
Da dir winkt im fernen Süden
Eine sonnenschöne Welt?“

Antwort gab sie leisen Tones:
„Weil ich nicht wie andre bin,
Die mit Zeiten und Geschicken
Wechseln ihren leichten Sinn.

Da die wandern nach der Sonne
Ruhelos von Land zu Land,
Haben nie das stille Leuchten
In der eignen Brust gekannt.

Mir erglüht’s mit ew’gem Strahle
– Ob auch Nacht auf Erden zieht –,
Sing’ ich unter Flockenschauern
Einsam ein erträumtes Lied.

Wundersamer Trost in Schmerzen!
Doch nur jene kennen ihn,
Die in Nacht und Sturm beharren
Und vor keinem Winter fliehn.

Dir auch leuchtet hell das Auge;
Deine Wange zwar ist bleich;
Doch es schaut dein Blick nach innen
In das ew’ge Sonnenreich.

Laß uns hier gemeinsam wohnen,
Und ein Lied von Zeit zu Zeit
Singen wir von dürrem Aste
Jenem Glanz der Ewigkeit.“

- Otto Ernst 1862-1926, deutscher Dichter, Schriftsteller -





Weitere Gedichte von Otto Ernst
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Herr Luchs


Herr Luchs spricht keinem Menschen
nach dem Mund,
und doch gelang es ihm,
so hoch zu steigen?
Ja, denn der Schalk versteht
die fein´re Kunst,
den großen Herren
nach dem Mund zu schweigen.

- Otto Ernst 1862-1926, deutscher Dichter, Schriftsteller -




Neujahrsgruss

Ans Tor des Türmers hab' ich heut
gepocht mit lautem Rufen:
»Komm, führe mich vor Mitternacht
zum Turm hinauf die Stufen!
Denn ein Gelüsten treibt mich heut,
mit mächtig hallendem Geläut
die Welt zu meinen Füßen
zu grüßen.«

Und an des Alten Seite stumm
bin ich emporgestiegen.
Tief lag die Erde schneeverhüllt,
geruhig und verschwiegen.
Die weite Stadt - ein Lichtermeer!
Das blinkte hold von unten her
wie goldnes Sterngewimmel
vom Himmel.

Und oben hab' ich tiefen Zugs
den Hauch der Nacht getrunken;
berauscht von tausend Bildern, ist
mein Geist in sich versunken -:
Jed' Licht dort unten scheint ihm da
ein Auge, das ins Ferne sah,
an Tagen, die vergangen,
zu hangen.

Und jeder Blick erspähte bald
aus grauem Nebeldampfe
ein eignes und besondres Bild
vom ewigen Erdenkampfe.
Wie manche leise Träne rann...
Wie manches feste Herz begann
in still erneuten Fluten
zu bluten!...

Hob sich aus fernem Dunkel nicht
hier - dort - ein Totenhügel?
Flog nicht ein freundlich Antlitz her
auf traumbewegtem Flügel?
O ja, in stiller Neujahrsnacht
der Toten wird zuerst gedacht,
der Lieben, die im Hafen
nun schlafen.

Doch mehr als Tod ist Lebensnot -
horch, horch - in mancher Kammer
gellt jäh durch die Erinnerung
ein lauter, wilder Jammer!
Ein nie verglommnes Weh entfacht
so manchem diese stille Nacht,
dem alles, was er träumte,
zerschäumte.

Und ewig Kampf und ewig Streit
mit Leiden und Gefahren,
mit Elend, Krankheit, Lug und Trug
seit tausend, tausend Jahren!
Und war's ein Jahr des Glücks vielleicht,
so hat's uns doch das Haar gebleicht,
so ist es doch verronnen -
zerronnen -

Wir kämpfen mit der Nagerin,
der Zeit, der nimmermüden -
still! War mir's doch, als ob zur Lust
von fern Gesänge lüden -
fürwahr: ein leises Kling und Klang...
Zum Mund mit Jubel und Gesang
den Trank voll Glut und Leben
sie heben!...

Ja! Eine Freudensonne glüht
inmitten wilden Krieges:
In allen edlen Herzen ist's
die Zuversicht des Sieges!
Doch wo das Schwert, das ihn erwirbt,
das jeden Höllengeist verdirbt?
Wo glänzt die blanke Wehre,
die hehre?

Nun Mitternacht! - Da ließ ich weit
die Glocke donnernd schwingen,
und meine Seele schrie hinein
mit Beben und mit Klingen:
Sie soll uns Schwert des Lichtes sein,
die reine Siegerin allein
in Nacht- und Sturmgetriebe:
Die Liebe.

- Otto Ernst 1862-1926, deutscher Dichter, Schriftsteller -



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